Eigenverantwortung statt Mittelspur 

Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland versteht sich als liberale Gesellschaft, die auf den Prinzipien der moralischen Verantwortung und des freien Willens basiert. Sie setzt sich theoretisch zusammen aus Individuen, die sich aus eigenem und freiem Willen zur Kooperation entschieden haben und aus diesem Willen heraus den demokratischen Staat bilden, dessen Anfänge im 19. Jahrhundert als Konsequenz der liberalen Bürgerbewegung zu finden sind und der sich nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus den Schutz seiner liberalen Wurzeln zur alternativlosen Notwendigkeit gesetzt hat.

Die logische Schlussfolgerung dieser Entstehungsgeschichte und ihrer zugrundeliegenden Prinzipien liegt in dem unbedingten Willen der Gesellschaft, den demokratischen Staat zu stützen und gegen Bestrebungen, ihn in seinen Grundprinzipien zu ändern, zu verteidigen --- schafft unsere Gesellschaft das?

Kapitel 1

Der Markt der Möglichkeiten:
Infrastruktur auf der Spielwiese

Wieviel Staat braucht der Mensch?  

Eigentlich gar keinen, Menschen gab es ja schon vor dem Staat und das ging auch. Sie gingen auf die Jagd für die Mahlzeit, suchten sich eine Höhle zum Schlafen und zum Schutz gegen unfreundliches Getier und meteorologische Unbill und schnitzten sich Speere und allerlei Haushaltshelfer, um sich nicht ständig die Hände schmutzig zu machen oder den Körper noch größerem Ungemach auszusetzen. Wenn es gut lief, konnte auch jeder für sich das Feuer nutzen oder sogar das Rad erfinden, um seine Habseligkeiten samt eigener Familie in die Ferienhöhle zu transportieren. Das reichte. Wenn man schon ein Rad hatte, waren einigermaßen ebene Wege nicht schlecht, um tatsächlich leichteren oder sogar überhaupt keinen Fußes von A nach B zu gelangen. Die konnten die Menschen ja bauen oder wenigstens planieren, sie hatten ja sonst kaum Zerstreuung. Interessanterweise wollten sie aber vielleicht nach B, weil da bereits andere Menschen waren – dann konnten sie sich darauf einigen, die Wege von A und B aus zu bauen und sich in der Mitte zu treffen. Und wenn in B auch noch ein exzellenter Knochenschnitzer war, während A über hervorragende Höhlenmaler verfügte, war ein Austausch gar nicht unangebracht und sogar nützlich. Schwupps schloss man sich zusammen und bildete eine Gesellschaft, die in einem permanenten Austausch und einem ständigen Geben und Nehmen stand und schon aus schutztechnischen Gründen ein gutes Gefühl bot. Wozu brauchte man da eine Institution, die einem nicht nur sagte, ob man einen Weg planieren durfte, sondern auch, wie man es zu tun hatte bzw. wie viel man dafür zu zahlen hatte, damit man es nicht mehr selbst tun durfte? 

Möglicherweise, weil der individuelle und freiwillige Straßenbau auch einmal dazu führt, dass sich das Rad nicht mehr drehen kann; sei es, weil unterschiedliche Beläge sich auch unterschiedlich freundlich dem Rad gegenüber verhalten oder weil die Feststellung der Mitte zwischen A und B auf mehr oder weniger professionell angestellten Überlegungen beruhen kann. Besonders störanfällig sind auf freiwilligen Entscheidungen basierende Maßnahmen, deren Notwendigkeit nicht von allen gleich bewertet werden; die Pflege des Schrebergartenrasens oder die Flurputzwoche in Mehrfamilienhäusern bieten da gute Beispiele. Insofern ist eine ordnende und auch verordnende Macht durchaus hilfreich; der kann sich auch das freie Individuum fügen, weil es versteht, dass es nicht allein auf der Welt ist und die Akzeptanz einer Institution mit Überblick von Vorteil ist. Hilfreich für diese Akzeptanz ist es dann natürlich, wenn sowohl der Überblick nicht nur unterstellt, sondern tatsächlich vorhanden ist und zum sinnvollen Aufbau einer gut funktionierenden Infrastruktur in allen Bereichen genutzt wird.  Das stärkt das Vertrauen und Vertrauen in die ordnende Macht ist in einer liberalen Gesellschaft mit demokratischer Herrschaftsform durchaus von Vorteil.

Nun war in der Geschichte des Menschen als freiem Individuum mit freiem Willen die Frage des Vertrauens in seine Obrigkeit nicht auf einem stets gleichbleibenden Level. Ein Blick in die Vergangenheit lehrt, dass die Herausbildung dessen, was heute als Staat bezeichnet wird, in diversen - teils durchaus sinnbehafteten, teils auch durchaus unschön beschrittenen - Stufen erfolgte. Irgendwann wurde in westeuropäischen Kreisen der Gedanke, dass es menschliche Individuen unterschiedlicher Wertigkeit gibt, die ihrerseits durchaus in diversen Besitzverhältnissen untereinander existieren könnten, aufgegeben. Denker dachten und fanden heraus, dass der Mensch an sich eventuell auch frei sein könnte; das taten sie so überzeugend, dass sich der sich im Laufe der Zeit herausgebildete und bewährte europäische „Der Staat bin ich“-Gedanke eines einzelnen Herrschers in „wir sind das Volk“, der Souverän und überhaupt wandelte. So kam es dann über diverse Herrschaftsformen Einzelner oder Weniger über das Volk vor nicht allzu langer Zeit dazu, dass das Volk die Herrschaft über sich selbst übernahm und im Grundsatz bis heute eigentlich nichts und niemanden braucht, der ihm sagt, ob, wann und wie es Straßen zu bauen hat. 

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